Eine digitale Aktualisierung der Kosmos-Vorträge

Die Vorlesungen und die späteren Kosmos Bücher bilden einen der Grundsteine für viele natur- und gesellschaftswissenschaftlichen Forschungen. Verglichen mit dem heutigen Stand der Wissenschaften sind viele seiner Beobachtungen nun bereits aufgeklärt oder werden zumindest besser verstanden. Dennoch sind von Humboldts Vorlesungen nicht nur von wissenschaftsgeschichtlichem Interesse.

In seinen Vorlesungen diskutierte von Humboldt einige Phänomene, die nicht nur damals sondern auch heute noch die Menschen in Erstaunen versetzen. Zudem waren und sind sie politisch hoch brisant.

Zu diesen Phänomenen gehört die plötzliche Entstehung von Inseln durch den Ausbruch unterseeischer Vulkane. Von Humboldt erwähnt diese Insel Sabrina in beiden Vorlesungsreihen. Sie bildet den Ausgangspunkt für unsere digitale Aktualisierung der Kosmos-Vorträge. Diese Aktualisierungen beinhaltet die Untermalung eines Zeitzeugenberichts der Inselenstehung mit modernen Fotografien. Da zudem bislang noch kein deutscher Wikipedia-Eintrag zur Insel Sabrina bestand, haben wir ihn verfasst. Darüber hinaus inspirierte uns das Thema zu einem Hörspiel. .

Vorab jedoch einige Hintergrundinformationen:

Die Azoren-Insel Sabrina

Die Azoren-Insel Sabrina entstand im Juni/Juli des Jahres 1811 als Folge des Ausbruchs eines Untersee-Vulkans nahe der Insel St. Michael. Nur wenige Monate später war sie jedoch schon wieder verschwunden. Derartige Prozesse waren bis zu diesem Zeitpunkt nur selten dokumentiert und noch weniger analysiert.

Dieses Mal war jedoch der Britische Schiffskapitän S. Tillard zugegen, der nicht nur einzelnen Etappen der Entstehung dieser Insel beiwohnte sondern auch die Insel erkundete und nach seinem Schiff auf den Namen Sabrina taufte. Vor allem aber veröffentlichte er einen Augenzeugenbericht in der wissenschaftlichen Zeitschrift Philosophical Transactions of the Royal Society of London.

Dieser Bericht könnte auch eine Quelle für Alexander von Humboldt gewesen sein, denn in derselben Ausgabe wurde ein Artikel Herschels zum Aufbau von Kometen publiziert – ein Thema, das von Humboldt ebenfalls in die Vorlesung einbrachte.

Tillards Beschreibung der Inselentstehung

Nach Tillard begann der Ausbruch am 10.06.1811 vor der Insel St. Michael; am 12. passierte er die Stelle mit seinem Schiff der HM Sabrina. Die gelegentlichen Rauchsäulen am Horizont ließen ihn erst an ein Seegefecht denken. Dann erinnerte er sich, von einem Vulkanausbruch in der Gegend bereits zum Jahresbeginn gehört zu haben.

Die Vermutung bestätigte sich bei seinem Anlegen in der Straße von Ponta del Gada. Am 14. betrachtete er in Gesellschaft des Generalkonsuls der Azoren den Vulkanausbruch von einer Klippe auf der Insel St. Michael aus.

Details von Tillards Beschreibungen gibt es im Zeitzeugenbericht.

Der Ausbruch zog sich über einige Tage hin. Am 4. Juli hatte sich eine etwa achtzig Yard aus dem Meer herausragende Insel in einer Form ähnlich einem Amphitheater gebildet. Obwohl sie stellenweise noch rauchte, entschied sich Tillard, die Insel zu erkunden. Da die Brandung der Insel sehr steil aufragte, gelangten er und zwei seiner Offiziere nur unter Schwierigkeiten an Land.

An einer steilen Klippe gelangten sie unter Schwierigkeiten doch hinauf zu einer Plattform, auf der sie die Britische Flagge hissten, die Insel Sabrina tauften und in einer Flasche eine Beschreibung der Insel hinterließen.

Ein politisches Dilemma?

Diese Episode hätte vielleicht schwere politische Folgen nach sich gezogen. Denn Tillard hatte mit dem Hissen der Britischen Flagge die Insel für das Britische Königreich beansprucht. Allerdings gehörten die Azoren zu Portugal. Au-erdem waren 1811 Großbritannien und Portugal Verbündete. Portugal stand deswegen Großbritannien in der Wirtschaftsblockade bei, die Napoleon gegen die britischen Inseln verhängt hatte.

Deswegen war es wohl eine glückliche Fügung des Schicksals, dass die Insel bereits wieder versunken war, als sie vermessen werden sollte. Vielleicht behauptete deshalb der Geologe Dr. John Webster, die Insel wäre zu steil gewesen, um sie zu betreten. In seinem Buch schneidet er die Augenzeugenberichte so zusammen, dass der Eindruck entsteht, ein längeres Betreten wäre wegen der Hitze der Insel und der steilen Grate nicht möglich. Dennoch bildete er in seinem Buch eine Zeichnung der Insel ab, auf der die Flagge zu sehen ist.

Sabrina in Humboldts Kosmos

Alexander von Humboldt erwähnte die Entstehung der Insel im Zusammenhang mit Vulkanismus und Erdbeben und setzte sie in Verbindung zu weiteren seismischen Aktivitäten, die in den Jahren 1811 bis 1813 in der weiteren Umgebung verzeichnet wurden.

Dazu zählte er die Zerstörung der Stadt Carracas durch ein Erdbeben und den Ausbruch des Vulkans von St. Vincent in den nahegelegenen Antillen sowie Erdstöße in den Ebenen des Ohio, des Mississippi und entlang der Küste Venezuelas.

Nur der Anfang

In seinen Vorlesungen brachte Alexander von Humboldt nur Sabrina mit solchen Phänomenen zusammen. Bis zur Publikation seiner Bücher blieb sie aber nicht die einzige Insel, die auf diese Weise auftauchte und verschwand.

Angekündigt durch fast zweiwöchige Erdstöße entstand im Juni/Juli des Jahres 1831 vor Sizilien eine Insel durch den Ausbruch eines Vulkans der Untersee-Vulkankette Campi Flegrei Mar Sicilia. Aber auch sie verschwand genauso schnell wieder.

Im Gegensatz zur Azoren-Insel wurde das Phänomen vor Sizilien in der Vergangenheit bereits dokumentiert, sogar schon während der Punischen Kriege. Diesmal gab es allerdings viele Beobachter. Auch hier berichteten Britische Offiziere, die sich mit ihren Schiffen in der Nähe befanden. Zudem besuchten namhafte Geologen wie Constant Prévost und Warington Wilkinson Smyth die Insel, unternahmen Untersuchungen und dokumentierten den Verlauf der Inselentstehung.

Eine weitere Parallele spielte sich auf dem politischen Parkett ab. Während der Entstehung der Insel befanden sich Schiffe unterschiedlicher Nationen in der Nähe, die sofort Anspruch auf den Besitz der Insel erhoben. In der Folge erhielt die Insel verschiedene Namen: Ferdinandea , Julia , Graham Island .

Auch hier erübrigte sich das politische Dilemma durch das Versinken der Insel. Allerdings ist dieses Mal das Thema nicht aus der Welt geschafft. Im Jahr 2000 traten erneute seismische Aktivitäten auf. Da seismische Aktivitäten zu einem erneuten Auftauchen des Vulkans hätten führen können, wollten italienische Taucher sichergehen, dass die womöglich neu entstehende Land unstreitbar zu Italien gehört. Deswegen hissten sie unter Wasser auf dem Vulkan die italienische Flagge.

nach oben