Eine Diskussion in Berlin im Winter 1827/28, inspiriert von Alexander von Humboldts Kosmos Vorlesungen

geschrieben von Petra Weschenfelder

Elisabeth und Louise sind zwei fiktive Zuhörerinnen von Alexander von Humboldts öffentlicher Vorlesung in der Berliner Sing-Akademie (heute Maxim Gorki Theater). Ihre Aussagen in Bezug auf die Vorlesung beruhen auf den im deutschen Textarchiv online einsehbaren Mitschriften von Otto Hufeland. Gotthilf Patzig und Gustav Parthey waren zwei reelle Zuhörer der Vorlesung an der Berliner Universität, deren Mitschriften ebenfalls im deutschen Textarchiv zugänglich sind. Wir lauschen ihrer Unterhaltung nach der 4. öffentlichen Vorlesung.

Elisabeth: Ist es nicht ein vornehmer Zug des Herrn von Humboldt, dass er die wissenschaftlichen Erkenntnisse unserer Zeit in einer öffentlichen Vorlesung präsentiert! Die heutige Vorlesung war so inspirierend! Die Erdentstehung wirft ja so viele Fragen auf.

Louise: Und es gibt so viele Theorien dazu! Da war es sehr gut, dass Herr von Humboldt zum Einstieg noch einmal auf frühere Werke verwies! Die Protogea von Leibnitz und Buffons Historie Naturelle hatte ich zwar schon vor einer ganzen Weile gelesen. Aber die Erinnerung daran hat es mir sehr erleichtert, den Zusammenhängen zu folgen.

Elisabeth: Umso unglaublicher ist es doch, wie schnell sich der Erkenntnisstand erweitert und verändert! Laut Herrn von Humboldt wird ja der neue Wissenschaftszweig der Kristallographie gerade zu Fragen der Erdentstehung einiges beitragen.

Gotthilf: Genau, auch in der Universitätsvorlesung hatte der Professor beschrieben, dass die genaue Untersuchung verschiedener Gesteine Aufschluss über das Alter einzelner Gebirge geben kann. Denn sind haben sich zu unterschiedlichen Zeitpunkten in der Erdentstehung geformt.

Louise: Denkt euch nur, dann geht es nicht nur um das Alter der Gesteine. Man kann dann auch das Alter von Fossilien bestimmen, die man zuweilen eingeschlossen in den Steinen finden kann.

Gustav: Oh, natürlich die Fossilien! Ich weiß ja, dass Sie mit Ihrem Mann bisweilen in die Sommerfrische an die Ostsee fahren und dort versteinerte Meeresgeschöpfe sammeln. Ihre Sammlung ist ja mittlerweile zu einem Ausflugsziel unter vielen meiner Bekannten geworden. Das wäre doch wunderbar zu wissen, wann diese Geschöpfe gelebt haben.
So detailliert ist der Professor in der Universität allerdings noch nicht auf die Erdentstehung eingegangen. Er hatte in einer der letzten Sitzungen kurz Vulkanausbrüche angesprochen, die sogar zur Entstehung von Inseln führen können.

Gotthilf: Stimmt, er hatte die Azoren-Insel Sabrina erwähnt. Aber, wenn ich mich recht entsinne, so war sie doch ein Schwindel, oder nicht? Ich dachte, Mitglieder der geografischen Gesellschaft wollten sie vermessen, aber sie existierte gar nicht.

Elisabeth: Oh doch, ich habe den diesbezüglichen Artikel gelesen. Eine Londoner Freundin schickt mir die Philosophical Transactions of the Royal Society of London. Der Artikel erschien im Jahr nach dem Ausbruch also 1812. Er wurde eigenhändig verfasst vom Schiffskapitän Tillard, der beim Ausbruch zugegen war, die Insel erkundete und benannte.

Louise: Ja, ich erinnere mich, du hattest mir die Transactions geliehen, weil Herschel dort etwas über die Kometen geschrieben hatte. Bei dieser Gelegenheit habe ich natürlich gleich alle Artikel alle Artikel gelesen.
Ich erinnere mich an einige Einzelheiten von Tillards Beschreibungen. Sie waren sehr plastisch. An einer Stelle beschrieb er, glaube ich, dass er mit Freunden auf einer Klippe saß, um den Ausbruch zu betrachten. Bei der Gelegenheit hatten sie natürlich ein Picknick veranstaltet. Als jedoch ein plötzlicher Erdstoß einen Teil der Klippe abstürzen ließ, zwang dies seine Kompanie, ihr Picknick an eine andere Stelle zu verlagern.

Gustav: Diese Engländer, machen selbst aus einem Vulkanausbruch noch ein Picknick! Aber das sie das auch in wissenschaftlichen Beschreibungen mit angeben müssen?

Elisabeth: Auf jeden Fall hatte Herr Tillard die Eruptionen sehr genau beschrieben. Wenn ich mich recht erinnere, so näherte er sich der Insel St. Michael und erblickte aus dem Meer aufsteigende Rauchsäulen. Zu diesem Zeitpunkt war der Ausbruch bereits zwei Tage im Gange. Am nächsten Tag besah er sich das Schauspiel von besagter Klippe aus. Er beschrieb dabei nicht nur Erdstöße, sondern auch, dass die Rauchsäulen nunmehr kreisförmig aufstiegen und von plötzlichen Ascheausbrüchen und Blitzen begleitet wurden. Zudem nahmen die Wolken die Formen riesiger Straußenfedern an.

Louise: War das nicht auch der Zeitpunkt, an dem bereits eine kleine Inselspitze aus dem Meer ragte?

Elisabeth: Richtig. Aber es kam noch mehrere Tage lang zu weiteren Ausbrüchen. Es war nicht vor Tillards Besuch zu Beginn des Monats Juli, dass die Insel nunmehr amphitheater-förmig aus dem Wasser ragte.

Louise: Ich erinnere mich an Tillards Beschreibung seiner Erkundung der Insel. Die Erde genau wie die Wasserstellen waren sehr heiß. Sogar einen gänzlich verbrannten Fisch hatte er dort gefunden. Außerdem war die Insel sehr steil. Nur unter großen Schwierigkeiten erklommen sie die gratförmig umlaufende Spitze der Insel. Dann bewegten sie sich rittlings rutschend entlang des Grats bis sie eine Plattform erreichten, auf der sie die Britische Flagge hissten.

Gustav: Die Britische Flagge? Aber gehören die Azoren nicht zu Portugal? Da kann er doch die Insel nicht einfach für die Britische Krone annektieren. Zumal, Portugal hatte doch zu diesem Zeitpunkt Großbritannien während der Napoleonischen Kontinentalsperre beigestanden. Ein solches Verhalten ist doch politisch sehr unklug!

Gotthilf: Na dann ist es ja wirklich ein Glück, dass die Vermesser die Insel nicht gefunden haben! Die Beschreibung klingt ja wirklich sehr glaubhaft. Und man sollte annehmen, dass ein Schiffskapitän die Koordinaten einer Insel so dokumentieren kann, dass auch andere sie wieder finden. Womöglich ist die Insel ja so schnell wieder versunken, wie sie dem Meer entstieg?

Elisabeth: Das ist sogar sehr gut möglich! Herr von Humboldt erwähnte heute sehr ausführlich die Möglichkeit, dass Vulkane, Erdbeben und die Eruptionen heißer Quellen in Zusammenhang stehen können. So sei die Entstehung von Sabrina nur ein erstes Phänomen gewesen, das sich anschließend in weiteren Erschütterungen äußerte.

Louise: Meinen Notizen entnehme ich, dass weniger als ein Jahr nach der Entstehung der Insel erst die Stadt Caracas durch ein Erdbeben zerstört wurde. Keine 30 Tage später brach der Vulkan von St. Vincent in den nahen Antillen aus. Danach setzten sich Erdstöße bis 1813 fast beständig fort, in den Ebenen des Ohio und des Missisippi, und zuletzt an die Küsten Venezuèlas.

Gustav: Bei so viel Zerstörung ist der Gedanke doch tröstlich, dass Vulkanausbrüche auch neues Land hervorbringen können.

Das Hörspiel haben wir als fiktive Reaktion auf die Kosmos-Vorlesungen entworfen. Reale Reaktionen auf die Vorlesungen sind aus der zeitgenössischen Presse überliefert.